Blog:  Versuch der Selbstversorung
und Renovierung eines alten Bauernhauses

Liebe Besucher,

mein Name ist Verena, ich bin von Beruf Juristin, nebenbei Stadtverordnete in einer Kleinstadt am westlichen Rand Deutschlands, habe vor einiger Zeit eine Gesellschaft zur Erforschung von Autoimmunerkrankungen gegegründet und bin zeitlich daher eigentlich völlig ausgelastet.

Vor einiger Zeit habe ich allerdings einen alten Bauernhof geerbt, Baujahr etwa 1820, letzte erkennbare Renovierung "nach-dem-Krieg-als-wir-aus-der-Evakuierung-kamen", also mit anderen Worten von 1949 bis 1953. Es gibt fließendes Wasser, allerdings aus Bleirohren, es gibt auch Strom, allerdings aus Leitungen, die einem Bekannten, der von Beruf Elektriker ist, Angst machten und es gibt zwei Kamine; einer endet in einem Rohr mitten im Raum; hier stand wohl mal ein Holzofen. An dem anderem Kamin, in der alten Küche, befindet sich ein wunderbarer alter Herd, den man mit Holz oder mit Briketts bedienen kann.  Ein befreundeter Fotograf hat vor einiger Zeit ein paar Fotos im Haus gemacht und prompt den zweiten Preis in einem Wettbewerb gewonnen; das Thema war Vintage.

Niemand, dem ich den Hof bisher gezeigt habe, hatte keinen Meinung dazu. Man könnte auch sagen, der Hof polarisiert. Die Reaktionen werden sicherlich auch dadurch bedingt, dass man von außen kaum ahnt, was einen innen erwartet. Der Hof sieht von außen beinahe aus, wie ein Reihenhaus. Rund 16 Meter Front und ein großes grünes Tor deuten zwar an, dass dahinter etwas ungewöhnliches liegt, aber den Vierkanthof erahnt man nicht. Erst wenn man durch das Tor tritt, gelangt man in eine völlig andere Welt.

Der erste Architekt, den ich für eine Renovierung gewinnen wollte, sagte beim Eintreten: "Oh Gott". Der zweite war nicht ganz so spontan, er hat sich den Gesamtzustand bedächtig angesehen und erst anschließend etwas ähnliches gesagt. Seit dem sind jede Menge Menschen zu Besuch gekommen. Einmal, an einem der wenigen Sommertage des Jahres 2011, hatte ich Besuch von einem meiner besten Freunde, einem berenteten  niederländischen Filmemacher. Wir waren gerade im Garten angekommen, da knatterte sehr laut ein Oldtimertraktor vorbei, der natürlich erheblich zu dem malerischen Gesamteindruck beitrug. Der Freund hat noch lange auf seinen Stock gestützt im Innenhof auf einer umgekippten Bank gesessen und hat einfach nur in den Innehof und in die Scheune geguckt. Dann hat er irgendwann, ganz ruhig und bedächtig, gesagt: Verena, dat is het paradijs.

Es ist also eine Tendenz erkennbar. Je künstlerischer begabt, desto begeisterter. Menschen mit einem Blick für Baumängel, oder Mensche, die es gewöhnt sind, in Komfort zu leben, reagieren eher panisch. Dazwischen gibt es ein paar Menschen, die sich inmitten unserer modernen, konsumistischen Zeit auf Wesentliches konzentrieren. Menschen, die ihre Zentralheizung nicht mehr benutzen, sondern es in Kauf nehmen, dass sie nur gelegentlich heißes Wasser haben, Menschen, wie etwa der Dachdecker aus dem Dorf, der eine Zeit lang mit seiner Familie in einem Wohnwagen gelebt hat, bis die Renovierungen seines alten Hofs so weit abgeschlossen waren, dass die Familie gefahrlos einziehen konnten. Kurz, Menschen, die versuchen, mit geringen Mitteln möglichst unabhängig zu sein. Solche Menschen sehen zwar die Probleme, aber auch die Möglichkeiten.

Das alte Haus ist ein Steinhaus, die Mauern sind stabil und haben das Erdbeben Anfang der 90 Jahre ohne Problem überstanden. Das Dach des Haupthauses ist von 1950 und es ist fast dicht. Es gibt insgesamt 480 Quadratmeter überdachte Fläche. Das Regenwasser wird durch ein ausgeklügeltes System in den Garten geleitet; die Rohre münden in einem Bassin, der früher den dort gehaltenen Gänsen als Bad und Tränke diente. Die Abwassergebühren sind also entsprechend gering. Es gibt sehr praktische Nebengebäude; einen Stall, zwei Werkstätten - eine zur Straße hin gelegen und eine am hinteren Ende des Innenhofs, es gibt eine riesige Scheune, einen halboffenen Stall zum Innenhof und zum Garten hin noch einen Offenstall. Und dann das Beste: Eine Obstwiese mit verschiedenen Obstbäumen und schließlich ein großer Gemüsegarten mit tiefschwarzer, fruchtbarer Erde. Dies verbunden mit Geschichten, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnere. Dass der Hof nämlich die ganze, damals 8-köpfige Familie, bestehend aus Mutter, Vater, zwei unverheirateten Tanten und vier Kindern durch den Krieg gebracht hat, ohne dass man auch nur einen Tag hungern musste. Und wie die Bettler aus der Stadt kamen und sich Kartoffelschalen erbettelten, die die beiden Töchter - eine davon meine Mutter - produzierten, weil sie noch nicht so dünn schälen konnten. Geschichten von schwerer Gartenarbeit und reicher Ernte, Geschichten vom Einmachen und Marmeladekochen, vom Schlachten und Räuchern. 

Diese Geschichten sind durchaus geeignet, eine Sehnsucht nach dieser alten Zeit zu wecken. Fraglich ist allerdings, ob und mit wie viel Zeiteinsatz ein solches Leben in Selbstversorgung inmitten unserer Zivilisation überhaupt möglich ist.

Ein Umzug auf den Hof wird frühestens in zwei Jahren möglich sein. Eine Umstellung der Ernährung auf Selbstversorgung allerdings schon früher. Ein bisschen bewirtschaftet habe ich den Garten schon in den vergangenen Jahren, allerdings eher als Liebhaberei. Ich habe ein paar Kartoffeln angebaut und ein bisschen Gemüse; allerdings nur so viel, wie ich direkt nach der Ernte verbrauchen konnte. Jetzt, Anfang November, ist so gut wie alles aufgegessen; es gibt noch ein paar Kartoffeln und ein bisschen Winterkohl, aber die ersten Zukäufe werden notwendig.

Das hat mich auf die Idee gebracht, diesen Blog zu erstellen. Ab sofort werde ich Buch halten über die Zukäufe, die bei besserer Planung vermeidbar gewesen wäre. Die nächste Gartensaison soll dann dazu genutzt werden, den Zeitaufwand und die Kosten zu ermitteln, die notwendig sind, die notwendigen Lebensmittel zu produzieren, um damit "über den Winter zu kommen". Bei Gelegenheit werde ich auch gerne über den Fortschritt der Renovierung des "Paradieses" berichten.

 

02.11.2011